Hamburger Kneipenbuch
Hamburger Kneipenbuch, 2008
Autor:
Herbert HindringerLocation:
Eldorado Wohlwillstraße
Herbert Hindringer
buero@herbert-hindringer.de
Beitrag fürs Hamburger Kneipenbuch
Lokalität: „Eldorado", Wohlwillstrasse 50, 20359 Hamburg St. Pauli
Eldorado, abgestottert
Aussen steht: Nicht mit den Türen schlagen.
Begründung: Das Eldorado befindet sich im Souterrain eines Wohnhauses und die Nachbarn haben Ohren.
Clou: Der besteht darin, dass wegen dieser Nachbarn auch die Musik nicht so laut ist hier drinnen. Das ist schön. Nicht, weil es keine gute Musik wäre, die hier gespielt wird, aber weil sie so nicht nur hör-, sondern auch noch kommentierbar ist. Ein musikalischer Salon also, keine Disco. Und weil man sich hier auch über andere Dinge unterhalten kann, ohne brüllen zu müssen. Über Antje beispielsweise.
Die Sache mit Antje: Tja, ... Antje ist die Ex-Freundin von Herrn Rüdiger Beckmann, Fotograf und so weiter. Es gibt viele Geschichten dazu, eine, die eigentlich keine ist, geht so: Antje hat hier im Eldorado mal eine SMS vom Klo aus an Herrn Beckmann, der da gerade in der anderen, der tiefsten und dunkelsten Sofa-Ecke des Eldorado saß, geschrieben. Das war kurz nachdem sich die beiden zum ersten Mal getrennt hatten. „Ruedi", schrieb sie, das war alles, aber weil man im Eldorado in der hintersten und dunkelsten Ecke keinen guten Handy-Empfang hat, hat Herr Beckmann das erst ein paar Stunden später gelesen, als Antje nicht mehr aufm Klo und auch gar nicht mehr im Eldorado war. Seltsam, aber diese SMS war der Auslöser (Klick), dass die beiden nochmal zusammen kamen. Manchmal macht der Ton die Musik, ganz leise, vor allem, Sie verstehen. Ruedi. Manchmal reicht sowas.
Eldorado: Die eine Tresenfrau, die mit dem Pferdeschwanz, sagt, dass einer der beiden Besitzer in Brasilien aufgewachsen ist und dort als Jugendlicher am liebsten einen Radiosender gehört hat, der „Eldorado" hieß.
Fenster: Die sind ja (da das Eldorado leicht unterirdisch liegt) auf Fuß- bzw. Beinhöhe der Passanten, die draussen auf dem Bürgersteig vorbeigehen. Das ist ein toller Ausblick: ein bisschen Uboot, ein bisschen Taubenschlag, ein klein wenig richtig schön.
Gemütlich: ist es hier. Definitiv. Am Nebentisch ist einer eingeschlafen, ein volles Glas Bier auf dem Tisch. Geweckt wird er erst, wenn er schlecht träumt oder Schaum vor dem Mund hat (der auf dem Bier schon fehlt).
Herr Schuster kommt: Er sagt: Herr Beckmann, Herr Hindringer, und nickt uns zu. Wir sagen: Herr Schuster. Der setzt sich.
Ich sage: Lieber sitz ich hier im Eldorado als in einem Taxi nach Paris.
Ja: antwortet Herr Schuster und gleich darauf auch Herr Beckmann. Das sagen die nur, weil ich behauptet habe, dass ich als Kind auf dem Pausenhof immer verprügelt worden bin.
Kneipenbuch: Ich hab überlegt, mich hinter einer Couch zu verstecken, mich über Nacht im Eldorado einschließen zu lassen, um dann hier meinen Beitrag für das Kneipenbuch zu schreiben. Im Kerzenlicht. Und weil ich kein Wurstbrot dabei habe und mächtig Hunger kriege, schreib ich dann richtig existenziell. Solche Gedanken eben. Ich hab die Tresenfrau gefragt, was mit jemandem passieren würde, der sich hier über Nacht einschließen lässt. Sie hat mich nur kurz angelächelt, den Tisch fertig abgewischt und ist gegangen.
Lieber sitz ich im Eldorado als in einem Taxi nach Paris. Aber das erwähnte ich bereits. Herr Schuster sagt: Ja.
Man kann hier beim Reinkommen laut „Guten Abend" rufen, es ist ziemlich sicher, dass irgendjemand freundlich zurückgrüßt, und selbst wenn nicht, man fällt mit sowas nicht negativ auf.
Negativ auffallen: kann man hier auch. Indem man schlecht träumt, nicht schnell genug geweckt wird und deshalb Bier in die Nase bekommt.
Organisch: Die Tapetenreste, die Ledersessel, die kleine Discokugel, die Farbabsetzungen an den Wänden, das Aquarium mit den Plastikschmetterlingen, Herr Beckmann. Das alles, würde ich behaupten, ist über die Jahre organisch zusammengewachsen, wurde nach und nach hinzugefügt, das ist kein Yuppie-Ausgeh-Schick, das ist einfach ein dunkler Raum, in den jetzt einfach nicht mehr hineinpasst. Hat etwas von nem Jugendzentrum, sagt Herr Schuster.
Pflanzen gibt es auch: stehen auf den Fensterbrettern. Zudem gibt es eine Plastikblume auf dem Herrenklo. Knapp am Yuppie-Ausgeh-Schick dran, zugegeben, aber das spülen wir runter. Mit einem Faßbier.
Quizfrage: In welcher Kneipe vermisse ich den Sommer in Paris am allerwenigsten?
Resümee: Hier könnte ich Stammgast werden, ohne mir blöd vorzukommen, wenn irgendwann mal jemand auf der Straße zu mir sagt: Hey Hindringer, das Eldorado soll geschlossen werden, die Nachbarn, du weißt. Morgen abend um 21 Uhr ist eine Schweigeminute vor dem Haus angesagt, du kommst doch, oder?
Stille: Einmal hab ich gesehen, wie sich hier zwei in Gebärdensprache unterhalten haben, eine halbe Stunde lang, danach haben sie dann eine Stunde lang ununterbrochen geknutscht.
Trauern: wir zusammen mit Herrn Beckmann seiner Antje hinterher? Ich bin mir da nicht sicher. Es ist ein schmaler Grat zwischen Mitgefühl und Mietgefühl.
Unterhaltungsmusik: Die Welt ist schlecht, das ist mir recht. Da ist die Tür, ich bleibe hier.
Vielleicht: sitzen wir in einer Zeitschleife. Seit ich Herrn Beckmann kenne, hat er Antje im Herzen, aber auch irgendwie im Genick. Dennoch ist er stets aufmerksam, zärtlich, humorvoll. Vielleicht ist Antje eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur in grün.
Weil grün ist die Hoffnung, ein bisschen klüger zu werden mit der Zeit.
X: Ich hab das Eldorado angekreuzt auf meiner Schatzkarte. Ich würde in solchen Momenten gern eine schriftliche Bestätigung vom Wirt anfordern, dass er nicht vorhat, das Eldorado in den nächsten dreißig Jahren aufzugeben.
You Ain't Goin' Nowhere, sang Dylan vor langer Zeit. Wie lange sitzen wir eigentlich schon hier, frage ich.
Zeit: zu gehen. Herr Beckmann hat vier Bier, ich drei, Herr Schuster verrät es nicht, hier ist es dunkel und es gibt Wichtigeres als Trinken. Aber jetzt gehen wir auf den Hamburger Berg und trinken weiter. Wir gehen kickern. Und wenn die Nacht ganz alt und Herr Schuster schon schlafen gegangen ist und auch alle anderen ganz leise sind und Herr Beckmann und ich einen Tisch für uns allein haben, dann spielen wir mal wieder eine Partie um unsere Freundinnen. Es steht 54 zu 15 gegen mich. Wir spielen, bis der erste bei 100 ist. Das sind die seltsamen Ende solcher Nächte, sowohl für einen, der gar keine Freundin mehr hat, als auch für einen, der weiß, dass er seine Freundin nicht aus doofen Gründen verlieren wird. Aber der Beginn solcher Nächte im Eldorado ist einfach immer schön gewesen, das muss man sagen. Ruhig auch etwas lauter.